Das traditionelle madagassische Haus
Das typische madagassische Haus (trano), wie man es auf der ganzen Insel findet, egal aus welchem Material es besteht, hat einen rechteckigen Grundriß (in der Regel 3 m mal 4 m bis 4 m mal 5 m) und ein Giebeldach. Dieser rechteckige Baustil wird den asiatischen Völkern zugeschrieben, während den afrikanischen der runde Hüttenbau zugeordnet wird.
Als Baumaterialien für den Hausbau wurden bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in ganz Madagaskar nur pflanzliche Ausgansstoffe (Holz, Palmfasern, Blätter) oder Lehm verwendet. Erst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert werden auch Steine, die vorher ausschließliche den Grabbauten vorgehalten waren, für den Hausbau verwendet.
In den Regionen des Hochlandes ist
das Haus aus Ziegeln oder getrocknetem Lehm gebaut. Ein deutscher Reisebericht des 19. Jahrhunderts beschreibt den Hausbau im Hochland: bei fast allen Bewohnern Madagaskars werden die Häuser und Hütten aus Ton gebaut und sind sehr dauerhaft. Das Dach wird auf Pfosten gestellt, welche das
Haus umgeben, sodaß Vorhallen oder Veranden entstehen. Da das Haus desto höher
ist, je höher der Rang des Besitzers, so ragen in der Hauptstadt Antananarivo über
die unregelmäßig angeordneten, an steilen Straßen hinauf gebauten Häuser die
königlichen Paläste hoch empor. Diese tragen denselben Stil wie die übrigen
Häuser, haben aber große Dimensionen. Die meisten Dorfschaften sind von Mauern
umgeben und liegen auf steilen Bergen.
Eine ganz besondere Bedeutung kommt der Ausrichtung
des traditionellen madagassischen Hauses zu: der Giebel verläuft
bevorzugt in Nord-Süd-Richtung. Diese Richtung gilt als die
Achse der Macht, während die Ost-West-Richtung als unglückbringend
gilt.
Diese Ausrichtung gibt den alten dörflichen Ansiedlungen durch die parallele Ausrichtung der Häuser einen geplant geordneten Eindruck. Im Haus ist die nördliche Seite (avaratra) reserviert
für die Autorität, der Osten (atsinanana) für
die Ahnen und Gottheiten. Der Westen (andrefana) ist reserviert
für Türen und Fenster und gilt den profanen Dingen wie
dem Müllhaufen, der Süden (atsimo) ist negativ
bewertet als Ort der Zauberei. Neben den traditionellen Überlieferungen
hat diese Ausrichtung auch eine ganz praktische Seite: das Haus
fungiert gewissermaßen als Sonnenuhr. Wenn Sonnenstrahlen
am Nachmittag durch Türen und Fenster ins Haus fallen und dort
bestimmte Gegenstände berühren, dann kann man daran die
Uhrzeit ablesen.
Astrologische Regeln und Verbote legen sowohl den günstigsten Zeitpunkt für die verschiedenen Tätigkeiten beim Hausbau fest, als auch die zu verwendenden Materialien, die insbesondere die Holzsorten betreffen, die für den Hausbau erlaubt sind.
Auch der günstigste Zeitpunkt für den Beginn eines Hausbaus spielt eine große Rolle. Der erste Tag des dritten (Adizaoza), vierten (Asoratany) und fünften Mondmonats (Alahasaty) gilt als besonders günstig für den Baubeginn. Ebenso wichtig ist die Auswahl des richtigen Bauplatzes. Insbesondere die Lage des Hauses in Bezug auf das Familiengrab ist zu beachten.
Einen
Kamin besitzen die Häuser nicht, obwohl sich die Feuerstelle,
bestehend aus drei oder fünf Steinen, die einen oder zwei Kochtöpfe
tragen, meist innerhalb des Hauses auf der westlichen Seite befindet.
Der Rauch zieht durch Fenster und Türen ab. Der Grad der Schwärze
der Innenwände und die Länge der Rußfäden bilden
einen stolzen Hinweis auf einen bereits seit langer Zeit bestehenden
Haushalt; sie werden nie entfernt.
Hausbau im Hochland
Als
Baumaterial dient seit jeher das, was die Natur hergibt. Die Bauern
des Hochlandes, die den lehmigen Boden bewirtschaften, brennen Lehmziegel
als Baumaterial, oder benutzen den Lehm selbst, mit Stroh vermischt,
um ihre Behausungen zu errichten (trano fotoka). Das Dach
wird mit Grasstroh (bozaka) oder Holz gedeckt (hazo).
Die Öffnungen des Hauses zeigen meist nach Westen.
Erst in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts
wurde auch Stein als Baumaterial zumindest in den Städten gebräuchlich.
Als Dachbedeckung setzen sich heute Wellblech und gebrannte Dachziegel
bei vielen neuen Konstruktionen durch.
Im südlichen Hochland, im Gebiet der Betsileo ähneln die Häuser denen der nördlicheren Merina aber besitzen zusätzlich geschnitzte Balkone und Fensterläden aus geschnitztem Holz.
Die
Häuser der reicheren Adeligen und höher gestellten Persönlichkeiten
im Hochland bestanden bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert komplett
aus aus Holz, Holzbohlen für die Wände, den Boden und
das Dach, woher auch die Bezeichnung Plankenhaus stammt (trano
kotona). Die aufwendigeren Konstruktionen waren nach dem Vorbild
des Rova-Palastes mehrgeschossig und mit Veranden und Balkonen versehen.
Die Höhe des Hauses war ein Statussymbol für den Wohlstand
seiner Bewohner. Ein zentraler Pfosten (andriambo) trägt
den Dachfirst. Die äußeren Dachsparren an jedem Giebel
(tapenaka) kreuzten sich an der Spitze und ragen als Giebelstangen
mit ihren Enden, den Haushörnern (tandrotrano) etwa
1,5 m hoch in die Luft.
Alle Holzelemente werden ohne ein einziges Element aus Metall miteinander verfugt und vernutet.
Letzte Beispiele dieser Plankenhäuser des 19. Jahrhunderts findet man unterhalb des Rovapalastes von Antananarivo, bzw. unterhalb der Residenz des Premierministers, wo sich zwei letzte Holzhäuser bis in unsere Tage hinübergerettet haben. Die anderen Holzhäuser von Antananarivo wurden über die Jahrhunderte oft Opfer diverser Brände oder von den Besitzern durch modernere Stein- und Ziegelsteinbauten ersetzt.
Der Osten und die Küstenregionen
Verlässt man die Hochland in Richtung Küste, dann verändert sich nicht nur die Landschaft, auch die Häuser werden in ihrer Bauweise immer leichter. In den Übergangsgebieten finden sich Häuser aus Holzplanken, die die Lehm- und Ziegelsteinbauten des Hochlandes ablösen. In
den Küstenregionen ist die leichtere Bauweise
den heißen klimatischen Bedingungen angepaßt. Die Häuser
werden aus pflanzlichen Rohstoffen wie den Blättern von Palmen (häufig: Ravinala-, Raphia- und Satrana-Palme) gefertigt. In den regenreichen
Gebieten stehen die Häuser auf Stelzen mit einem über dem Erdreich liegenden Boden, der eine gute Durchlüftung gewährleistet.
In den städtischen Ansiedlungen der Küstenräume hat sich bei der wohlhabenden Bevölkerung der Beton als Baumaterial durchgesetzt, da er besser den immer wiederkehrenden Stürmen widersteht. Die kleinen leichten Hütten werden zwar Opfer der Stürme, können aber wieder schnell aufgebaut werden.
Im Osten, im Land der Betsimisaraka, wird die Ravinala-Palme als Rohstofflieferant zum Bauen der Hütten (falafa) verwendet. Die Blätter decken das Dach und ein korbähnliches Geflecht aus Blättern bildet die Wände. Die Falafa Hütten stehen meist auf Säulen wegen der häufig ergiebigen Niederschläge im Osten der roten Insel.
Im
Norden heißen die Hütten bobo. Als Lieferant für
Baumaterial dient die oft die Raphia-Palme.
Im Südwesten werden Didierazeen der Familie Alluaudia (madagassisch fantsiholitra) für den Hausbau benutzt, um kleine Hütten geringer Bauhöhe herzustellen. Hier sind Baumaterialien generell knapp, die Größe der Häuser ist folglich kleiner als im Hochland.

