Die Landwirtschaft Madagaskars
Rund 80% der Bevölkerung Madagaskars lebt in kleinen dörflichen Einheiten mit und von der Landwirtschaft. Die Regionen des Hochlandes werden vorwiegend für den Anbau von Reis genutzt, der tropisch-feuchte Osten und Norden erzeugt landwirtschaftliche Produkte für den Export wie Vanille und Nelken und der trockenere Süden und Westen betreiben Viehzucht, die sich vorrangig auf das Buckelrind konzentriert. Weitere wichtige Produkte in der Landwirtschaft sind Maniok, Mais und Zuckerrohr, die ebenfalls in großen Mengen für den Eigenbedarf angebaut werden
Madagaskar ist ein Agrarland. Über 80% der Bevölkerung ist in 1,5 Mio. bäuerlichen Betrieben tätig. Etwa 75% der Exporte sind Landwirtschaftsprodukte. 42% des BIP werden von der Landwirtschaft erwirtschaftet.
Das Hochland Madagaskars produziert Reis für den Binnenmarkt, im Westen und Süden überwiegt die Rinderzucht und an der Ostküste und im Norden gedeihen die Nutzpflanzen für den Export wie Kakao, Kaffee und Vanille. Die durchschnittliche landwirtschaftliche Fläche pro Familie beträgt etwa einen Hektar.
Die ausschließlich manuellen Anbaumethoden stammen teilweise noch aus der Steinzeit. Oft werden die Felder nur zwei bis drei Jahre lang in Monokultur bestellt. Dann ist der Boden unfruchtbar und wird nach und nach durch Bodenerosion weggespült. Als einziges Arbeitsgerät wird ein Grabspaten (angidy) verwendet.
Neues Ackerland wird häufig durch das Niederbrennen (tavy) von Urwald oder Buschland gewonnen, von dem allerdings nicht mehr viel vorhanden ist. Hilfsmittel wie Maschinen, Dünger oder Insektizide sind weitgehend unbekannt in der Landwirtschaft von Madagaskar. Die Erträge sind daher extrem gering.
Insektenplagen wie Heuschreckenschwärme sind häufig. Auch immer wieder auftretende Dürreperioden im Süden Madagaskar beeinträchtigen die landwirtschaftliche Produktion. Die rasante Bevölkerungsexplosion der Landbevölkerung mit durchschnittlich fünf Kindern pro Familie unterstützt ebenfalls die Teufelsspirale der Verarmung durch die fortschreitende Vernichtung der natürlichen Ressourcen und durch zunehmende Parzellierung der landwirtschaftlichen Flächen.
Ein großes Problem der madagassischen Bauern ist oft die Frage des Landbesitzes. Nur ein geringer Teil des bearbeiteten Landes befindet sich im Besitz der Bauern, der grössere Teil muss gepachtet werden, wobei der Besitzer bis zur Hälfte der Ernte als Pacht verlangt. Diese Situation bremst die Eigeninitiative der Landwirte und verhindert Investitionen in große Bewässerungsprojekte ebenso wie grundlegende, aber kapitalintensive Verbesserungen der Landwirtschaft, die zu verbesserten Anbaumethoden führen könnten. Obwohl in Madagaskar genügend potentielle Landwirtschaftsfläche vorhanden ist, werden viele Gebiete daher nicht erschlossen. Auch traditionelle Vorschriften und Verbote und Mangel an Investitionskapital verhindern darüberhinaus die Bebauung von neuen Feldern, ebenso wie der Mangel an Wasser, das nur entlang der Ostküste in ausreichenden Niederschlagsmengen vorhanden ist.
Neue Ackerbauflächen entlang der Ostküste werden meist durch Brandrodung der letzten Waldgebiete der Insel gewonnen. Die gewonnen Felder können nur ein oder zwei Jahre lang bestellt werden, dann ist der Boden ausgelaugt und wird vom Regen weggespült. Das verbleibende Brachland kann keinen Regen mehr speichern, was die Erosion beschleunigt.
Ein weiteres Problem bildet die traditionelle Fixierung der madagassischen Bauern auf den Anbau von Reis, dies auch in Zonen, in denen andere Produkte (z.B. Hirse oder Maniok) wesentlich wetterunabhängiger angebaut werden könnten und höhere Erträge abwerfen würden.
Reis (vary), das Hauptnahrungsmittel Madagaskars
Das Hauptnahrungsmittel und damit auch das Hauptprodukt in der Landwirtschaft der Madagassen ist Reis (madagassisch: vary). Doch während Madagaskar in den 70er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts noch zu den Exportländern für Reis gehörte, muss der Staat heute massiv zukaufen. Ein Madagasse verbraucht durchschnittlich 400 bis 500 g Reis pro Tag, was bei einer Bevölkerung von 20 Mio. Personen einem rechnerischen Jahresbedarf von 3,6 Mio. t geschältem Reis entspricht, womit Madagaskar etwa 0,5% der weltweiten Reisproduktion verbraucht.
Reis (botanisch: Oryza) gehört zur Gattung der Süßgräser. Die wirtschaftlich bedeutendste Art ist der Sumpfreis, Oryza sativa, eine bis 1,50 m hohe einjährige Pflanze. Der Sumpfreis wird mit Hilfe künstlicher Bewässerung im Terrassenfeldbau und in Niederungen angepflanzt. Vom Einsetzen der Gelbreife an wird der Reis geerntet. Zur weiteren Verarbeitung kommt der frisch gedroschene Reis (paddy) in Reismörser, wo für den Verzehr die Spelzen entfernt werden (geschälter Reis).
Rund 40% der gesamten Ackerfläche wird mit Reis bepflanzt: im Osten wird Bergreis nach Brandrodung (tavy) gepflanzt und auf den Reisterassen des Hochlandes Nassreis (horaka).
Der tavy ist an sich verboten, weil er ökologisch nur schwer reparierbare Schäden (Erosion und Zerstörung des Waldbestandes) hinterlässt. Darüberhinaus bringt der vor allem an der Ostküste praktizierte tavy nur den mageren Ertrag von 800 kg pro Hektar. Aufgrund von tavy verschwinden dagegen jedes Jahr 300.000 ha Waldfläche.
Der Nassreisanbau wirft zwar einen höheren Ertrag ab, verlangt aber einen grösseren Arbeitsaufwand, besonders wenn er, wie in Betsileoland, auf relativ kleinen Reisterrassen betrieben wird. Zudem muss der Wasserhaushalt der Felder genau abgestimmt und laufend kontrolliert werden. Um ein Kilo Reis zu erhalten, sind 2000 Liter Wasser notwendig, deutlich mehr als in anderen Ländern mit vergleichbaren Produktionsmethoden.
Der Nassreisanbau in Madagaskar ist ein mühsames Geschäft. Der
Boden wird von Hand bearbeitet. Mit Grabspaten (angidy) wird er aufgelockert
und mit Wasser vermischt, das aus komplizierten Bewässerungssystemen
auf die Felder geleitet wird. Rinder stampfen mit ihren Hufen den
Boden geschmeidig, auf dem dann die Reissetzlinge ausgebracht werden. Das freie Aussäen des Reises vermindert zwar den Ertrag, wird aber immer noch häufig praktiziert. Das Einsetzen von vorgezogenen Reissetzlingen in Reihen mit festen Abständen erhöht dagegen den Ertrag deutlich.
Düngung findet nicht statt. Reis wird nach wie vor in Monokultur angebaut. Dies laugt den Boden aus, ohne ihm neue Nährstoffe zuzuführen.
Das Einführen von mechanischen Pflügen hat sich ebenfalls nicht durchgesetzt. Nur in der Region des Alaotra-Sees, der mit 70.000 ha Reisfeldern ein traditionelles Überschussgebiet darstellt, ist eine mechanische Anbaumethode verbreitet. Dort werden auch Erträge von 2,2 bis 3 t/ha erzielt. In den meisten anderen Gebieten mit manueller Feldarbeit liegen die Erträge wesentlich darunter.
Ein negativer Einflussfaktor für die Erträge stellt auch die oft mindere Qualität des Saatgutes dar. Die vier staatlichen Zentren schaffen es nicht, genügend qualitativ hochstehendes Saatgut zu produzieren.
Zwei Ernten pro Jahr sind nur in wenigen Gegenden möglich, wie in der 20.000 ha grossen Betsimitatatra-Ebene um Antananarivo: der Reis der ersten Saison (vary hosy; vary aloha) und der Reis der zweiten Saison (vary vakiambiaty).
Die Reisernte geschieht manuell mit einer Sichel nach der Gelbreife. Ein Verlust von bis zu 20% entsteht während der Ernte und dem Transport, beim Dreschen und Trocknen.
Im Jahre 2010 wurden in Madagaskar 4,7 Mio. t Roh-Reis erzeugt, was einer Menge von ca. 3,8 Mio. t Konsumreis entspricht. Um die Eigenversorgung sicherzustellen müsste diese Menge in den nächsten Jahren noch weiter gesteigert werden.
Ein Madagasse konsumiert im Jahr 130 kg bis 180 kg geschälten Reis, das heisst 350 bis 500 Gramm pro Tag. Die UNO-Organisationen rechnen mit einer Tagesration von 400 Gramm als Minimalbedarf pro Person. Diese Menge reicht zwar zum Sattwerden (voky), aber die einseitige, allein auf den Reis ausgerichtete Ernährung führt zu Mangelerscheinungen, die sich vor allem im schlechten Zustand der Zähne und häufig auftretende Erkrankungen der Atemwege manifestieren.
Im Jahre 2011 haben sich die Weltmarktpreise für Reis innerhalb von zwei Jahren quasi verdoppelt, was natürlich auch auf die lokalen Reispreise in Madagaskar durchschlägt. Ein Kilogramm Reis kostet mittlerweile bis zu 2.000 Ariary (80 Euro-Cent). Viele Madegassen, insbesondere in den städtischen Ansiedlungen sind gezwungen, ihren Reiskonsum zu drosseln und andere, billigere Nahrungsmittel wie Mais oder Maniok zu verzehren. Verkauft wird Reis in kapoaka, einer leeren Konservendose als Schöpfgefäß, die ca. 250 g Reis fasst. 75% eines Familieneinkommens geben die Madagassen mittlerweile für die Ernährung aus.
Maniok (manioc, cassava)
Neben dem allgegenwärtigen Reis nimmt Maniok (madagassisch: mangahazo) als Grundnahrungsmittel eine wichtige Rolle ein und hat eine Reservefunktion in Notzeiten. Maniok ist eine pflegeleichte Kulturpflanze, die als Nahrungsmittel allerdings ein sehr schlechtes Ansehen hat. Die jährliche Produktionsmenge ist etwa gleich hoch wie die von Reis, doch liegt der Ertrag dieser anspruchslosen Pflanze mit etwas über 6 t/ha massiv unter dem Weltdurchschnitt. Die Anbaufläche variiert erheblich von Jahr zu Jahr. Die Pflanzungen finden sich in der Regel auf minderwertigem, für den Reisanbau nicht geeignetem Ackerland. Neben den Knollen können auch die länglichen Blätter gegessen werden, die in gekochtem Zustand eine entfernte Ähnlichkeit mit Spinat haben.
Eines der madagassischen Nationalgerichte ist Ravitoto: mit etwas fettigem Fleisch gekochte zerstoßene Maniokblätter, die als Beilage zu Reis gegessen werden. Dazu gibt es Tomatensalat. Weiß - grün - rot: die Nationalfarben Madagaskars!
Mais
Der im 16. Jahrhundert von den Portugiesen aus Amerika eingeführte Mais (Madagassisch: katsaka) hat mit einer Anbaufläche von 140’000 bis 160’000 ha eine grosse Verbreitung gefunden - vor allem im trockeneren Westen. Pro Jahr werden rund 160’000 Tonnen geerntet, wobei der Ertrag bei 1 - 1,3 t/ha liegt.
Zuckerrohr
Von dem im Jahr 2010 geernteten 3,2 Mio. t Zuckerrohr (madagassisch: fary) stammen 1,2 Mio Tonnen aus dem industriellen Anbau in Großplantagen, während der bäuerliche Anbau 2,0 Mio. t einbrachte. Der bäuerliche Anbau nimmt total zwar eine grössere Fläche ein, wirft aber mit 40 t/ha gegenüber 64 t/ha des industriellen Anbaus deutlich weniger ab. Die Bauern verkaufen ihre Ernte zu einem grossen Teil der Staatsfirma SIRAMA.
Ein Teil des Zuckerrohrs dient der Zuckerproduktion, ein anderer Teil wird zu Zuckerrohrmost (betsabetsa) vergoren oder dient als Basis für Rum-Herstellung.
Süßkartoffeln und Kartoffeln
Die 1 bis 3 kg schwere und sehr stärkehaltige Knolle der Süsskartoffel (vomanga) ist ein weiteres wichtiges Grundnahrungsmittel, vor allem für die Bevölkerung im Süden. Der Hektarertrag dieser fast überall in Madagaskar gepflanzten Knollenfrucht schwankt zwischen 8,5 - 14,5 Tonnen gegenüber dem Weltdurchschnitt von 16,8 t/ha. Für den Verzehr sind nicht nur die Knollen geeignet, auch die Blätter werden als Suppenkräuter verwendet.
Zunehmend werden auch Kartoffeln (ovy) angebaut, die von europäischen Siedlern eingeführt wurden. Das Hauptanbaugebiet von 41’000 ha (1987) liegt im Vakinankaratra-Gebiet mit seinen fruchtbaren Vulkanböden in der Region um Antsirabe.
Hirse
Sorghum-Hirse wächst während 110 bis 170 Tagen heran und wirft 1,35 bis 2,82 Tonnen pro Hektare ab. Rund 20 verschiedene Sorghum-Arten werden angepflanzt und um 6000 Tonnen werden pro Jahr geerntet, vor allem in den trockenen Sandgebieten des Südens.
Bananen
Die ursprünglich aus Südostasien stammenden Bananen wachsen fast überall auf der Insel, in jedem Hof stehen ein paar, mehrere Meter hohe Bananenstauden: Kochbananen (Mehlbananen) und Essbananen als Frischobst. Sie nehmen eine Gesamtfläche von fast 20’000 ha ein. Der Ertrag liegt bei 18,5 - 22 t/ha. 255’000 Tonnen wurden 1985 geerntet, die Hälfte davon in der Provinz Tamatave. Ein eigentliches Bananenland findet sich in der Region um Brickaville, wo auf 1300 ha 70% der Bananen der Provinz Tamatave wachsen. Es existiert mit um die 40 Tonnen so gut wie kein Export dieser Frucht, der grösste Teil der Ernte dient dem Eigenkonsum. Ein kleiner Teil wird zu Trockenbananen verarbeitet. In Madagaskar wird nicht - wie etwa in Ostafrika - aus Bananen Bier gebraut. Hingegen finden geräucherte oder in der Sonne getrocknete und in Bananenblätter verpackte Bananen (afintsa) grossen Absatz und werden überall im Land angeboten.
Gemüse
Gemüse (Tomaten, Karotten, Kohl, Zwiebeln) wird nur wenig angebaut und ist im Süden des Landes weitgehend unbekannt. An Gemüse wurden landesweit 1985 rund 100’000 Tonnen geerntet, was einer Tagesration von rund 20 Gramm pro Person entspricht. Mehrere madagassische Gemüse (Anamamy, Anamalaho, Anandrano), dem Spinat ähnlich, finden sich als Brède (kleine Gemüsebeilage) in madagassischen Gerichten. Doch nicht Gemüse sondern Fleisch mit Reis ist die ersehnte Mahlzeit eines jeden Madagassen, wie das Sprichwort sagt: Welche Menge Gemüse (Brède) auch mit dem Reis gekocht wird, es ersetzt das Fleisch nicht.
Litschi
Als Exportprodukt nach Europa haben Litschis in den letzten Jahren entscheidend an Bedeutung gewonnen. Die Litschibäume gedeihen auf 5700 ha an der Ostküste, wovon über die Hälfte in der Provinz Tamatave. Logistische Probleme stehen jedoch einer weiteren Ausbreitung dieses Exportschlagers im Weg. Die vitaminreichen und leuchtendroten, mit kleinen Stacheln versehenen Früchte müssen während einer sehr kurzen Periode (15 Tage) Ende November und im Dezember geerntet werden und schnell auf die europäischen Verbrauchermärkte gelangen, wo das Aroma des süss-säuerlichen, weissen Fruchtfleisches für Desserts sehr geschätzt wird. Madagaskar exportierte im Jahr 2010 rund 17.000 Tonnen Litschis, etwas weniger als in den vorangegangene Jahre.
Mangos
Studien über den Mangobaum zeigen, dass in der Region von Mahajanga 39 Varietäten wachsen, wobei die Sorte 'Zill' und 'Ruby' die besten Exportfrüchte abgeben.
Exportiert werden jedoch bislang bloss ein paar dutzend Tonnen Mango, der grösste Teil wird im Lande konsumiert. Mangobäume finden sich auf einer Gesamtfläche von 15.150 ha. Die Erntezeit erstreckt sich je nach Region von November (Mahajanga) bis Februar (Hochland).
Äpfel und Birnen
Im herberen Klima der Region um Antsirabe wachsen auf 1100 ha Äpfel und Birnen, eingeführt von europäischen Siedlern und Missionaren. Die staatlichen Stellen produzieren jährlich zwar 200’000 Setzlinge für Fruchtbäume, vermögen aber die Bedürfnisse an Jungpflanzen bei weitem nicht zu decken. Es finden sich an europäischen Früchten auch Pflaumen und Erdbeeren, Aprikosen und eine Zwetschgenart. Nur Kirschen wachsen in Madagaskar nicht.
Tee aus Sahambavy
Auf Madagaskar findet sich auch ein Teegebiet mit 335 ha. Die in der Region um Sahambavy (östlich von Fianarantsoa) gelegenen Teepflanzungen gehören zu einem Drittel Kleinbauern; das britische Teeunternehmen SIDEXAM bewirtschaftet 223 ha und betreibt vor Ort auch eine Teefabrik.
Rinderzucht
Das madagassische Buckelrind, Zebu (bos taurus indicus) findet sich auf der ganzen Insel Madagaskar. Wahrscheinlich leben mehr Rinder als Menschen auf der großen Insel.

