Haushörner Madagaskarheiliger Baum mit Opfergaben im Osten von MadagaskarGrab im Hochland von MadagaskarOdy Talisaman MadagaskarFamadihana, Madagaskar
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Traditionen und Gebräuche der Madagassen

Basis des traditionellen Lebens in Madagaskar sind die fady, Verbote und Tabus, die von den Ahnen stammen und bis heute Gültigkeit haben. Astrologen und Wahrsager sind die Bewahrer dieser uralten Überlieferungen. –› Riten und Feste halten die Traditionen am Leben. –› Glaube und Tod liegen dicht beieinander, denn alles dreht sich um den Totenkult. Talismane und Amulette schützen die Lebenden vor allen störenden Einflüssen durch die Geister der Toten.

Glaube und Aberglaube, Ahnenkult und Verbote, Astrologie und Orakel sind die Säulen der traditionellen madagassischen Gebräuche und Gedankenwelten, die durch uralte Naturreligionen geprägt sind. Naturheiligtümer und Totenfeste sind auch heute noch äußerlicher Ausdruck dieses Gebräuche. Die Regeln des Lebens leiten sich fast immer von den Vorfahren ab, "weil sie es auch schon so gemacht haben".

Die Traditionen der Madagassen basieren nicht auf schriftlichen Aufzeichnungen, sondern allein auf mündlichen Überlieferungen, die sich oft in Sprichwörtern und Legenden wiederfinden. So spielt das gesprochene Wort eine besondere Rolle im täglichen Leben der Madagasssen, die oft hervorragende Redner sind. Das Ansehen einer Persönlichkeit hängt in erster Linie von ihrer Fähigkeit ab, eine gute und überzeugende Rede zu halten nach dem Motto: ny vava soa sakafo ("Eine gute Rede kann sogar den Hunger besiegen!"). Die wichtigsten verbalen Ausdrucksformen sind die ohabolana (Sprichwörter), alltägliche Weisheiten aus der Beobachtung der Natur oder dem täglichen Leben inspiriert, die kabary (Ansprachen), die zu allen offiziellen Anlässen dazugehören, die hainteny (Liebeserklärungen) sind Dialoge zwischen Liebenden, voller Poesie und erotischer Anspielungen und nicht zuletzt die hira (Gesang), meist nostalgische Gesänge, die von valiha (Bambuszither) und sodina (Flöte) begleitet werden.

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Das unverfälschte traditionelle Leben findet sich auch heute noch in den ausgedehnten ländlichen Regionen in seiner ursprünglichen Form wieder. Hier spielt auch die Beziehung zum wichtigsten madagassischen Haustier, dem Rind (omby) eine herausragende Rolle. Eine ganze Reihe von Verboten und Regeln betreffen alleine dieses Haustier, das auch rituell bei vielen Feiern eine große Bedeutung hat.

Eine zentrale Rolle im sozialen Zusammenhalt des täglichen Lebens spielt die Familie. Der Familienverbund (fihavananana) geht auf die ältesten bekannten gemeinsamen Vorfahren zurück und kann leicht mehrere tausend Mitglieder umfassen.

nach obenVerbote (fady)

Das tägliche Leben der Madagassen wird durch Verbote und Tabus geregelt. Verbote (madagassisch: fady oder paly) gibt es für alle Lebensbereiche. Das Wort fady ist verwandt mit dem indonesischen Wort pali oder padi und entspricht dem aus der polynesischen Sprache bekannten Wort tabou. Die fady entstehen im familiären Bereich einer Dorfgemeinschaft und haben den Rang eines religiösen Gebotes. Ein madagassisches Sprichwort sagt: "ich würde lieber sterben, als etwas zu essen, das fady ist", was belegen soll, dass die Verletzung eines Tabus für den Madagassen schlimmer ist als der Tod.

Es gibt fady, die jedes Mitlgied eines Dorfes beachten muß, solche, die nur für die Frauen oder nur für die Männer gelten, und wieder andere, die auf eine Familie beschränkt sind oder sogar nur eine einzelne Person betreffen. Die fady legen das Leben auf allen Ebenen fest: die elterliche Autorität, Schicksalsfragen, Verbote, die den Verzehr von Tieren und Pflanzen betreffen, die Gründung eines Hauses, eine Beerdigung und die Umwendung der Toten. Nur das älteste Mitglied einer sozialen Gruppe hat das Recht und die Pflicht, neue fady auszusprechen und alte aufzuheben, wenn dies zur Erhaltung des Lebens notwenig ist.

Für den Besucher des Landes ist wichtig zu wissen und zu respektieren, dass es viele Verbote gibt, die zum Beispiel die zahlreichen Gräber der Insel, aber auch manche nicht sofort als solche erkennbare Naturheiligtümer (Bäume, Teiche), die auch heute noch von den Bewohnern verehrt werden, betreffen.

nach obenAstrologie, Orakel und Gottesurteile

Besondere Regeln legt der astrologische Kalender auf, nach dem für jeden Monat des Jahres und jeden Tag einer Woche ein eigenes Schicksal definiert wird.

Astrologen (mpanandro) und Orakel (mpisikidy) werden in allen Lebenslagen zu Rate gezogen. Auch die Wächter der Fetische (mpitahiry sampy) und Propheten und Hellseher (mpanitsaka andro) haben einen großen Einfluss auf das Schicksal der Madagassen und geben Ratschläge in allen Lebenslagen.

 

Die Astrologie

Die Astrologie (vakinankaratra) ist arabischen Ursprungs und der schicksalsvorbestimmende Faktor (vintana) im Leben eines Madagassen. Jedem Tag des Jahres wird wird vom Astrologen (mpanandro) ein glückliches oder unglückliches Schicksal zugeschrieben. Dem Tag der Geburt kommt eine entscheidende Rolle zu. Er allein bestimmt über das Schicksal des neuen Erdenbürgers, was in der Vergangenheit bei besonders verhängnisvollen Vorzeichen sogar zum gewaltsamen Tod des Säuglings führen konnte.

Der zugrundeliegende Kalender ist der Mondkalender mit zwölf Monaten, die 28 Tage dauern. Montatsbeginn ist jeweils bei Neumond. Da der Mondzyklus jedoch etwas länger dauert als 28 Tage, werden am Ende des Monats ein oder zwei Fülltage eingefügt bis zum Beginn des nächsten Neumonds. Diese Fülltage haben im astrologischen Kalender keine Bedeutung und zählen nicht. Das astrologisches Jahr hat damit 352 Tage, ist also etwas kürzer als das Sonnenjahr.

Wie die Wohnhäuser der Madagassen so hat auch die Welt in der Vorstellung der Madagassen vier Ecken, eine Vorstellung, die sie übrigens mit den alten Ägyptern teilen.

Astrologie im Hausbau, MadagaskarDie Idee des vintana zieht sich schicksalsprägend durch alle Lebensbereiche. Auch die traditionellen Häuser sind nach astrologischen Gesichtspunkten ausgerichtet. Der Giebel verläuft in Nordsüd-Richtung, der Richtung der Macht, Türen und Fenster befinden sich auf der Westseite. Jeder Himmelsichtung sind innerhalb des Hauses bestimmte Sternkreiszeichen und damit bestimmte Bedeutungen zugeschrieben. Die Monate werden in der nordöstlichen Ecke beginnend im Uhrzeigersinn rund um das Haus einzelnen Bereichen der Wohnfläche zugeschrieben. Die nordöstliche Ecke des Hauses, die den ersten Monat (ahahamady) symbolisiert, ist die heiligste Stelle des Hauses und den Ahnen vorbehalten, der zweite Monat adaoro ist im Nordosten für die Schlafstelle des Hausherrn reserviert, bis hin zur Kochstelle die sich im Westen im Monat alakaosy befindet und zum 12. Monat alohotsy im Nordosten, der den Utensilien des Hauses vorbehalten ist. Auch die Tage des können an 28 Pfosten festgemachtwerden, die ebenfalls im Nordosten beginnend im Uhrzeigersinn andgeordnet sind.

Auch der beste Zeitpunkt für den Beginn eines Hausbaus wird vom Astrologen bestimmt. Auf keinen Fall darf der Hausbau in den Monaten Alahamady, Adaoro, Adizaoza und Alahasaty beginnen. Der erste Spatenstich erfolgt in der nordöstlichen Ecke, anschließend wird die Stelle mit dem Blut eines Opfertieres getränkt. Die Stelle wird mit einem Stück Quarz markiert, einem Lebensstein (vatovelona), auf den der nordöstliche Hauptpfosten gesetzt wird.

Der Astrologe (mpanandro) bestimmt mit Hilfe der Sterne den besten Tag, sei es für eine Hochzeit, für den Beginn einen Hausbaus, die Aussaat des Reises, eine Beschneidung, eine Totenumwendung, eine Beerdigung oder sonstige Unternehmungen jeder Art. Jedem Monat des Jahres, den einzelnen Tagen des Monats und den Tagen der Woche, ja sogar den Tagesabschnitten, werden von den Astrologen (mpanandro) gute (tsara) oder schlechte (ratsy) Schicksale zugeschrieben. Aus der Kombination der unterschiedlichen Schicksale der verschiedenen Basisdefinitionen ergeben sich viele Kombinations- und Interpretationsmöglichkeiten für die Bestimmung des Schicksals eines bestimmten Augenblicks und der Maßnahmen, die man gegen eine schlechte Vorbedeutung unternehmen kann.

Der Ablauf einer Woche unterliegt den gleichen immer wiederkehrenden astrologischen Regeln:

  • Der erste Tag der astrologischen Woche ist der Freitag (zoma), ein Tag, der insbesondere für Beerdigungen bestimmt ist. Es ist ein machtvoller Tag, seine Farbe ist rot.
  • Der Samstag (asabotsy) hat die Farbe blau. Es ist der Tag der Jugend und der Reinigungszeremonien. Auch Beerdigungen dürfen an Samstagen vorgenommen werden.
  • An Sonntagen (alahady) darf man auf keinen Fall beerdigen. Es ist der weiße Tag, ein Tag der gut ist, um Opfer zu bringen. Der Vormittag hat einen guten Charakter, der Nachmittag steht dagegen unter schlechtem Vorzeichen und ist daher für Arbeiten aller Art tabu. Weiße Nahrungsmittel (Milch, weißes Fleisch) müssen am Sonntag unbedingt vermieden werden.
  • Der Montag (alatsinainy) ist ein schwarzer Tag, es ist der Tag der Sorgen und des Streits. Das Essen von Gemüse ist verboten.
  • Der Dienstag (talata) ist ein strahlender Tag. Ein guter Tag für die leichten und angenehmen Dinge des Lebens. Kein guter Tag für harte Arbeit. Alles dreifarbige ist zu meiden.
  • Der Mittwoch (alarobia) ist ein brauner Tag. Es ist der Tag der Frauen und der Liebesschwüre. Braune Lebensmittel sind zu meiden.
  • Der Donnerstag (alakamisy) ist ein finsterer Tag, der Tag der Sklaven und der Sorgen. Alles, was von Sklaven kommt, ist zu meiden.

Die 12 Monate des Mondkalenders sind folgenden, auch in unseren Kreisen bekannten Sternkreiszeichen zugeordnet und unterliegen sehr umfangreichen und detaillierten Schicksalsvorbestimmungen (vintana), die regional leicht unterschiedlich ausgeprägt sein können:

  • 1. Alahamady (Sternzeichen Widder) steht als erster Monat unter einem guten Zeichen und ist der edelste der zwölf Monate; Kinder die am Beginn des alahamady geboren werden, werden ausgezeichnete und populäre Redner und einflussreiche Männer. Zwei berühmte Herrscher Madagaskars Ralambo und Andrianampoinimerina wurden jeweils am 1. Januar geboren. Der erste Tag des alahamdy war außerdem als erster Tag des Jahres in der Vergangenheit der Tag des großen Badefestes, der wichtigste Festtag des Jahres.
  • 2. Adaoro (Sternzeichen Stier) steht als zweiter Monat unter einem gemischten Vorzeichen mal Gut, mal Schlecht, seine Farbe ist das Rot des Feuers; Kinder, die im adaoro geboren werden, stehen unter dem Zeichen des Feuers und des Unglücks.
  • 3. Adizaoza (Sternzeichen der Zwillinge) steht als dritter Monat an seinem Beginn und an seinem Ende unter einem guten Vorzeichen und ist ein guter Monat für den Beginn eines Hausbaus.
  • 4. Asorotany (Sternzeichen Krebse) ist im ersten Abschnitt ein guter Monat zum Heiraten und für die Feier der Totenumwendung (famadihana); der asorotany ist von guten und schlechten Tagen durchsetzt. Ein Hausbau, der am Monatsbeginn gestartet wird, steht unter einem guten Vorzeichen.
  • 5. Alahasaty (Sternzeichen Löwe) steht als fünfter Monat an seinem Beginn unter einem guten Vorzeichen; Kinder, die hier geboren werden, sehen eine genauso brillante Zukunft vor sich wie die im alahamady geborenen; auch dieser Monat ist gut für den Beginn eines Hausbaus.
  • 6. Asombola (Sternzeichen Jungfrau), der sechste Monat, bringt Reichtum und ist ein guter Zeitpunkt zum Abschließen von Verträgen.
  • 7. Adimizana (Sternzeichen Waage) ist ein mächtiger Monat der mit vielen fadys belegt ist; die in diesem Monat geborenen haben entweder ein brillantes und erfolgreiches Schicksal oder enden in totaler Armut. Der Hausbau ist verboten. Beerdigungen, die im Monat adimizana durchgeführt werden, führen zu zusätzlichen Todesfällen. Das Ende des Monats steht unter dem Vorzeichen der Fruchtbarkeit, ein guter Zeitpunkt zum Pflanzen.
  • 8. Alakarabo (Sternzeichen Skorpion) ist ein guter Zeitpunkt für die Feier der Totenumwendung; wenn das Grabportal einmal geschlossen ist, wird es sich nicht so schnell wieder öffnen.
  • 9. Alakaosy (Sternzeichen Schütze) ist ein machtvoller Monat; besonders der Monatsbeginn und das Monatsende stehen unter einem zerstörerischen Zeichen. Kinder, die in diesem Monat an einem Montag geboren werden, müssen getötet werden, da sie sonst ihre Elter töten würden.
  • 10. Adijady (Sternzeichen Ziege) ist ein Monat zum Weinen. Kinder, die in diesem Monat geboren werden, haben trübe Augen und neigen zum Stottern.
  • 11. Adalo (Sternzeichen Wassermann) ist an seinem Anfang ein schlechter Monat; am Monatsbeginn regnet es immer. Kinder die im Monat adalo geboren werden, werden stumpfsinnig. Das Monatsende ist ein guter Zeitpunkt für die Feier der Totenumwendung (famadihana).
  • 12. Alohotsy (Sternzeichen Fische) der letzte Monat des Mondkalenders steht unter einem leichten Vorzeichen.

Aus der Kombination der Schicksale jedes Wochentagesages und den Vorbestimmungen jedes Monats ergibt sich eine Vielzahl von Sonderregeln und Ableitungen für jeden Tag des Jahres.

nach obenRiten und Feste

Drei große Feste gehören auch heute noch als kulturelles Erbe unverzichtbar zum traditionell verankerten Leben der meisten Madagassen:

  • die Beschneidung der Jungen (famorana),
  • die traditionelle Hochzeit (vodiondry)
  • die Umwendung der Toten (famadihana).

Weitere Feste mit eher regional ausgeprägtem Charakter sind das Fest der tromba bei den Sakalava und das historische Badefest oder Neujahrsfest (alahamady) bei den Merina, das bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert das wichtigste jährlich wiederkehrende Ereignis war, bis es von den Franzosen abgeschafft wurde.

Ein weiteres lokales Fest, das auf das Gebiet der Volksgruppe der Antankarana im Norden beschränkt ist, die das Fest tsanga tsainy, das alle fünf Jahre gefeiert wird. Zum Anlass des Festes wird ein Mast errichtet, der die Einheit des Volkes symbolisieren soll.

Will man die Gebräuche der Madagassen verstehen, dann muss man ihre starke Bindung zu ihren Familien verstehen lernen. Die Familie umfasst nicht nur Eltern und Kinder, sondern reicht drei bis vier Generationen zurück und schließt auch verschwisterte Anverwandte mit ein. Die gemeinsame Abstammung (fihavanana) ist für den Madagassen die stärkste Bindung innerhalb der Gemeinschaft. Das älteste Familienmitglied übt oft die höchste Autorität aus.

Diese soziale Ordnung steht in enger Beziehung zu den religiösen Werten. Gott wird mit den eigenen Vorfahren identifiziert. Die Ahnen durchlaufen nach ihrem Ableben fortschreitende Stufen der Gottwerdung und werden zum Mittler zwischen Gott (zahanary) und den Lebenden, was sich in der Bedeutung der Grabanlagen und des Totenkultes widerspiegelt.

Die Beschneidung (famorana)

Der Brauch der Beschneidung der Jungen (famorona) ist auf der ganzen Insel Madagaskar außer beim Fischervolk der Vezo an der südlichen Westküste verbreitet. Bei den meisten Volksgruppen findet die Beschneidung der Neugeborenen einmal jährlich in in der Periode des madagassischen Winters zwischen Juni und September statt.

Bei den Antanosy im Süden wird die Beschneidung alle drei Jahre in Form einer Massenbeschneidung für die Neugeborenen des gesamten Volkes durchgeführt.

Ebenfalls eine kollektive Beschneidung (sambatra) wird alle sieben Jahre beim Stamm der Antambahoaka in der Gegend von Mananjary gefeiert. Sambatra bedeutet auf madagassisch "Glück". Gefeiert wird drei Monat lang. Die eigentliche Beschneidung beginnt etwa 15 Tage nach Beginn der Feierlichkeiten.

Die traditionelle Hochzeit (vodiondry)

Die traditionelle Hochzeit (vodiondry) beginnt, nach der Auswahl der heiratswilligen Partner, die sich meistens selbst finden, mit einem Treffen von Mitgliedern beider Familien, die die Modalitäten der Hochzeitsfeier diskutieren (fiantranoana). Bei diesem Treffen wird auch der Brautpreis ausgehandelt, der in Regel heute nur noch symbolischen Charakter hat, in einigen isolierten ländlichen Gegenden aber noch in Form von Rindern bezahlt wird. Die eigentliche Hochzeitsfeier (fampakarana) kann dann zum festgelegten Zeitpunkt beginnen. Zunächst werden von Vertretern beider Familien Reden (kabary) gehalten. Diese traditionell geprägten, blumenreichen und humorvollen Ansprachen sind ein Höhepunkt jeder großen Feier. Auch ein Dankgebet (soatra) um die Segnungen durch den Schöpfergott und die Ahnen wird gehalten.

Die Umwendung der Toten (famadihana)

Der madagassische Totenkult beruht auf dem Glauben, dass die Vorfahren immer Teil der Familie bleiben. Die Ahnen steuern aus dem Jenseits die Geschicke ihrer Nachfahren. In der Vergangenheit wurden für die Toten aufwendigere Häuser gebaut als für die Lebenden, gemäß dem madagassischen Sprichwort: "ein Haus wird nur für ein Leben gebaut, ein Grab aber für die Ewigkeit". Die Verehrung der Toten hat oft religiösen Charakter.

Daher gehört es in Madagaskar zur selbstverständlichen Pflicht, nicht nur seine Vorfahren zu respektieren und zu verehren, sondern sich darüberhinaus auch um die sterblichen Überreste und die Gräber seiner Vorfahren zu kümmern. Die zwei zentralen Feste, die aus diesem Imperativ entstanden sind, sind das sehr populäre Fest der Umwendung der Toten (famadihana) im Hochland und das auf das Gebiet der Sakalava im Westen beschränkte Fest der Waschung der Reliquien (fitampoha), das auf königliche Reliquien beschränkt ist.

Das Fest der Totenumwendung famadihana ist im madagassischen Hochland weit verbreitet. Von Zeit zu Zeit (in unregelmäßigen Abständen etwa alle 10 Jahre) werden die sterblichen Überreste der Vorfahren aus ihren Gräbern geholt. Sie werden in Bastmatten eingerollt und es wird mit ihnen ein gemeinsames Fest gefeiert, zu dem sich die gesamte Großfamilie versammelt. Die Toten bleiben so ein paar Stunden bei ihren Angehörigen bevor sie wieder in das Grab zurückgelegt werden. Bei dieser Gelegenheit werden die Toten neu eingekleidet, das heißt sie werden in neue Tücher (lambamena) eingewickelt.

Das Neujahrsfest oder Badefest (fandroana)

Das astrologische Jahr der Madagassen ist in zwölf Monate mit jeweils 28 Tagen eingeteilt, hat also 336 Tage. Der erste Monat des Mondkalenders ist der Alahamady, an dessen erstem Tag in der Vergangenheit das große Badefest (fandroana) zelebriert wurde, das madagassische Neujahrsfest. Mit der französischen Besetzung des Landes im Jahre 1896 wurde das madagassische Neujahrsfest abgeschafft und durch den französischen Nationalfeiertag abgelöst. In Erinnerung an die alten Zeiten findet es heute nur noch im Königssitz von Ambohimanga nördlich von Antananarivo statt.

Das Badefest oder auch Neujarhrsfest wurde alljährlich sehr aufwendig gefeiert. Die Feiern in den Königspalästen dauerten in Regel mehr als drei Tage. Im rituellen Ablauf des Festes bestanden viele Parallelitäten zum Totenfest. Als Festmahlzeit diente der vary aloha, der Reis der ersten Reisernte des Jahres, der mit Honig (tantely) und fettigem Fleisch aus dem Rinderbuckel zubereitet wurde.

nach obenZauberei und Amulette

Wahrsagerei und Orakel, Talismane und Amulette gehören ebenso zum mystischen Erbe Madagaskars wie Naturmedizin und Zauberei. Bei der Behandlung von Kranken ist oft schwer zu trennen, wo der medizinische Teil aufhört und der mystische Teil beginnt.

Talismane (sampy)

Sampy, Talisman aus MadagaskarTalismane und Amulette (madagassisch: ody oder sampy bei den Merina, dady bei den Sakalava) spielten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts eine große Rolle im Alltag eines jeden Madagassen. Sie galten als heilig und unantastbar. Die Talismane boten Schutz vor Krankheiten ebenso wie vor Feinden. Im Krieg machten die Talismane die Krieger mächtiger, ja unverwundbar. Dem Besitzer bescherten sie Reichtum und Glück.

Oft bestanden sie aus grob geschnitzten Holzstücken, die mit Haaren von Verstorbenen, Teile von toten Tieren, Perlen und anderen heiligen Utensilien verziert waren. Andere bestanden aus mit magischen Texten beschriebenen Papierfetzen.

Am mächtigsten waren die Talsimane der Könige (sampin'andriana), die gewissermaßen als königliche Herrschaftsinsignien auf die Nachfolger übergingen und deren Herkunft in grauer Vorzeit liegt. Jeder sampy hatte einen Namen; die wichtigsten königlichen Talismane der Merina hießen Kelimalaza, Fantaka, Mahavaly und Manjakatsiroa. Auf dem Gelände des Königspalastes waren ihnen eigene Häuser reserviert. Die Wächter der sampy gehörten zu den einflußreichsten Zauberern der roten Insel.

Kelimalaza war der berühmteste und mächtigste aller Talismane und gehörte König Andrianampoinimerina.

Tätowierungen und Symbolik

Tätowierung aus MadagaskarTätowierungen waren insbesondere in der Vergangenheit und sind auch heute noch teilweiwe bei einigen Volkstämmen der Küstenregionen verbreitet. Ihre manchmal kreuzförmig, geometrische Form verleitete eingie frühe Missionare, die bereits im 17. Jahrhundert die Antanosy im Südosten besuchten, zu der Annahme, dass eine christliche Missionierung bereits stattgefunden habe.

Tätowierungsmotiv aus MadagaskarOft wurden bereits die Kleinkinder mit einfachen, meist geometrischen Motiven tätowiert.

Bei den Betsileo dienen Tätowierungen als Schutz gegen böse Einflüsse und erfüllen die Funktion eines Amuletts. Bei den Antandroy im äußersten Süden heißen die Tätowierungen tumbukalana und symbolisieren Rindermotive oder Sonnenbilder. Kreuze dienen als Talismane gegen Krankheiten.

Tätowierung aus MadagaskarKreuzförmige Tätowierungen (renamby) unterschiedlicher Formen finden sich auch bei den Tanala und Betsimisaraka im Osten Madagaskars.

Bara Krieger mit Stirnscheibe (Madagaskar)Eine besondere Form der Symbolik ist ein Kopfschmuck in Form einer Stirnscheibe (felana) bei den Antandroy und den Bara. Dieser ursprünglich aus dem malaiischen Raum stammende Kriegsschmuck wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Tänzern dieser Stämme übernommen. Sie trugen eine runde silberne Scheibe von etwa 5 cm Durchmesser auf der Stirn in der Mitte über der Nasenwurzel.

 

Orakel (sikidy)

Das Orakel der Madagassen heißt sikidy (oder auch sikily). Der Wahrsager (mpisikidy) wird befragt, um zum Beispiel bei Krankheiten ein geeignetes Gegenmittel zufinden. Kleine Steinchen werden nach geheimen Regeln in geometrischen Mustern ausgelegt, die anschließend vom Wahrsager interpretiert werden. Nach Interpretation des gelegten Mustern bestimmt der Wahrsager die geeignete Behandlungsmethode. Grundgedanke dieser Zeremonie ist der Glaube, dass der Ursprung einer Krankheit immer auf Hexerei zurückzuführen ist und dass man nur den bösen Zauber auflösen muss, um die Krankheit zu bekämpfen.

Der mpisikidy kennt außerdem die Heilmittel, die man gegen viele Krankheiten einsetzen kann und ist damit auch gleichzeitig Medizinmann seines Dorfes.

Opfer und sonstige Geschenke

Rituelle Opfergaben folgten in der Vergangenheit dem Prinzip der Ersetzung. Ein Kranker konnte dadurch geheilt werden, dass ein blutiges Opfer (taha) dargebracht wurde, das gewissermaßen an der Stelle des Kranken sein Leben gab und sein Schicksal ersetzte. Diese Ersetzung unterlag klaren Regeln: ein kranker König konnte nur durch den Opfertod eines seiner Familienangehörigen geheilt werden, ein Familienoberhaupt durch den Tod eines Sklaven, andere Mitbürger niedrigerer Gesellschaftsschichten auch durch den Tod eines Rindes oder eines anderen Haustieres. Diese Regeln gingen soweit, dass auch ein krankes Rind durch den Opfertod einer Ziege geheilt werden konnte. Welche Methode dem Kranken seine Gesundheit wiedergeben konnte, wurde vom Wahrsager bestimmt, der damit auch zum Herrn über Leben und Tod wurde.

Die sogenannten hasina waren Weihegaben oder Geschenke, die der König von seinen Untertanen zu besonderen Gelegenheiten wie zum Beispiel zum Neujarhfest erhielt. Seitdem die Madagassen Kontakt zu europäischen Mächten hatten, bestanden die Opfergaben an die Könige nicht mehr aus Rindern, sondern aus Silbermünzen, die beim Tode des Herrschers in silberne Pirogen umgegossen wurden, die dem Toten als letzte Ruhestätte dienten.

Auch heute noch werden zu besonderen Gelegenheiten "rituelle" Geldgeschenke gemacht. Insbesondere bei Kondolenzbesuchen muss ein Umschlag mit Geld an die Hinterbliebenen überreicht werden. Auch bei der Brautwerbung spielen Geldgeschenke eine wichtige Rolle.

Gottesurteil (tanguin)

Der höchste Gerichtsherr eines jeden Herrschaftsgebietes war der König, er allein konnte über Leben und Tod seiner Untertanen entscheiden. Wenn Zweifel über die schwere Schuld eines Angeklagten bestanden, wurde das tanguin als Gottesurteil herangezogen. Man gab dem Angeklagten drei Stückchen Hühnerhaut zu essen, in die ein Gift eingenäht war. Schaffte er es, diese drei Stückchen wieder unversehrt auszukotzen, dann war er unschuldig, schaffte er es nicht oder nur teilweise, dann war er schuldig und starb entweder an dem Gift oder wurde geköpft, womit seine Schuld bewiesen war.

Erst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts untersagte die Königin Ranavalona II den Gebrauch des tanguin, das in Extremfällen auch ganzen Dörfern oder Familien auferlegt wurde.

nach obenGlaube, Schicksal und Tod

Ahnenkult und Grabbau

Der Ahnenkult ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt der spirituellen Gedankenwelt der Madagassen. Durch seinen Tod tritt der Mensch in höhere Sphären ein und wird zum Mittler zwischen Gott und den Menschen. Daher genießen die Ahnen (razana) in Madagaskar gottähnliche Verehrung. Bei vielen Stämmen glaubt man an eine Wiedergeburt der Verstorbenen in Form von großen Lemuren oder auch Schlangen.

Der Madagasse existiert durch seine Ahnen. Sie sind es, die ihn ins Leben gerufen haben. Nach dem Motto "ein Haus wird für ein Menschleben gebaut, ein Grab für die Ewigkeit" werden für die Toten große Gräber aus Stein errichtet, die den Jahrhunderten trotzen sollen. Das Grab ist der Ort des Kontaktes zwischen Lebenden und Toten. Viele alte Gräber, wie die Gräber von Königen und die alten Gräber der Vazimba, die teilweise nochaus einfachen Stein- und Erdhügeln bestanden, sind heute Kultorte, an denen Opfergaben dargebracht werden.

Eine Beisetzung im Familiengrab ist ein Imperativ, egal wo in der Welt der Familienangehörige verstorben ist, werden die sterblichen Überreste in das heimatliche Familiengrab überführt. Zur Zeit der Stammeskriege im 18. Jahrhundert wurden die Krieger von Sklaven begleitet, die die Aufgabe hatten, die Getöteten ins heimatliche Familiengrab zurückzubefördern. Oft wurden die Leichname auch von den Feinden beschlagnahmt, um später an die Angehörigen zurückverkauft zu werden.

Im Süden, im Gebiet der Mahafaly, finden sich auch Einzelgräber, deren flächenmäßige Ausdehnung dem Ansehen und Reichtum des Verstorbenen entsprechen. Die größten sind mehren hundert Quadratmeter groß. Auch der Brauch, dass der Tote im Jenseits mit Grabbeigaben gut ausgestattet ist und manchmal all sein Hab und Gut mit ins Jenseits nimmt, ist bei einigen Stämmen im Süden verbreitet. Hat der Verstorbene viele Rinder besessen, dann werden die Beerdigungsfeierlichkeiten erst beendet, wenn alle Tiere von der Trauergesellschaft verzehrt worden sind, was im Extremfall mehrere Jahre dauern kann. Manchmal wird auch das Wohnhaus des Toten zerstört.

Manche Könige wurden in silbernen Pirogen begraben, die aus ihrem Barvermögen in Form von Silbermünzen geschmiedet wurden. Die Wohnhäuser der verstorbenen Könige wurden oft aufgegeben und die Nachfolger bauten neue Paläste (lapa) oder Wohnstätten für sich und ihre Familie. Ein madagassischer König starb nicht, er "drehte sich um", man beerdigte ihn nicht, man "versteckte" ihn oder wenn er in einer silbernen Piroge beigesetzt wurde, dann "versenkte" man ihn.

Bei den Sakalava im Westen Madagaskar sind die Grabstätten (doany) von einem Palisanderzaun umgeben und werden auch heute noch von einem Wächter (vatobe) bewacht.

Ein spezieller Aspekt der Totenverehrung in den islamisch geprägten Regionen sind die geisterähnlichen Ziny, vogelähnliche Geschöpfe aus der Vorstellungswelt des Islam (Ziny = arab. djinns = Totenvogel). Die madagassischen Bezeichungen für die Zinys sind lolo, matoatoa, avelo oder ambiroa. Die Ziny fliegen nur nachts, sind schwarz, haben einen stinkenden Atem, lange Brusthaare und menschenähnliche Köpfe. Die Beschreibung der Ziny erfolgt immer in Zusammenhang mit dem legendären König Salomon (madagassisch: Rasoleiman). Die diesbezüglichen Texte sind in Sorabe-Schrift verfasst (die einzigen schriftlichen Aufzeichnungen aus Zeit vor 1800) und weisen starke Parallelen zum Koran auf.

Die islamisierten Bewohner Madagskars haben den Namen "Allah" als Bezeichnung für Gott allerdings nicht übernommen. Auf der gesamten Insel wird Gott als Andriamanitra oder Zanahary bezeichnet.

Weiterführende Informationen: Kultur - Geschichte - Ethnische Gruppen

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