Wirtschafts- und Produktionsdaten aus Madagaskar
Die wenigen Großunternehmen Madagaskars konzentrieren sich auf die Bereiche der Textilindustrie und des Bergbaus. Der größte Sektor ist der Dienstleistungssektor, zu dem auch die Tourismusbranche zählt. Auch der Export von Holz und anderen Naturprodukten schlägt sich in der Exportbilanz nieder. Internationale Hilfsprojekte versuchen alternative und lokale Energieversorgung mit Windkraftwerken und Solarenergie zu installieren. Neue Einnahmequellen verspricht sich der Staat durch das Verpachten von Ackerbauflächen an reiche Industrieländer. Die kleine Autoproduktion der madagassischen Marke Karenjy wurde 2010 wieder aufgenommen.
Statistische und wirtschaftliche Kennzahlen Madagaskars
Das Bruttosozialprodukt ordnet Madagaskar unter die 30 ärmsten Länder der Welt ein (s. auch LDC-Statistik der UNO). 76% der Bevölkerung lebte im Jahr 2010 unter der Armutsgrenze, verfügte also über ein Tageseinkommen von weniger als 1,25 US$. Die Armut ist damit seit 2005 wieder im Vormarsch.
Nach einem Bericht des US-Magazins Forbes, der im Juli 2011 veröffentlicht wurde, führt Madagaskar die Liste der Länder mit den schlimmsten Volkswirtschaften der Welt als absoluter Spitzenreiter an. Das Forbes Madazin hat 177 Länder in das Ranking mit einbezogen. Bewertet wurden die Wirtschaftsleistung, das Wachstum, die Inflation, Handelsbilanz und Wachstum. Was in Madagaskar besonders negativ zu Buche schlägt, ist laut Forbes die Unfähigkeit der Dirigenten, also der aktuellen Übergangsregierung unter dem selbst ernannten Präsidenten Andry Rajoelina.
Das Bruttoinlandsprodukt von rund 9 Mrd. US$ wird zum größten Teil durch Dientleistungen erwirtschaftet (61%), gefolgt von der Landwirtschaft (26%) und dem Industriesektor mit einem Anteil von 15%. Der Export von Nahrungsmitteln spielte nur ein untergeordnete Rolle, Allein der Export von Litschis in die ganze Welt bewegt sich in Größenordnungen von 20.000 kg pro Jahr bei einem Umsatzvolumen von 4 bis 5 Mio Euro. Bislang trägt der Bergbau nur rund 4% zum Bruttoinlandsprodukt bei, bis 2012 könnten es 14% sein, wenn die unten aufgeführten Bergbauprojekte realisiert sind.
Der Warenaustausch mit Deutschland ist mit rund 50 Mio. US$ recht gering, womit Deutschland gerade einmal einen Anteil von knapp 2% am Handelsaustausch Madagaskars hat. Das größte Handelsvolumen erreicht Madagaskar mit Frankreich (32%),
China (13%) und Hongkong (10%). An erster Stelle der exportierten Güter
stehen Textilerzeugnisse, gefolgt von Gewürzen wie Vanille und Nelken. Ein zunehmend bedeutender
Wirtschaftszweig ist die Fischzucht und der Fischfang. Hauptabnehmer sind hier
die USA und Frankreich.
Der madagassische Staatshaushalt im Jahre 2010 belief sich auf 4324 Mrd. Ariary (ca. 1,4 Mrd. Euro), 14% unter der Summe für das vorangegangene Jahr 2009. Internationale Hilfen, die sich üblicherweise auf zusätzliche 23% belaufen, wurden von der Weltbank mangels Anerkennung des aktuellen Militär-Regimes, eingefroren und werden bis auf weiteres nicht mehr ausgezahlt. Die Reduzierung des Staatshaushaltes ging einher mit einer Abwertung des madagassischen Ariary gegenüber dem Euro von -20% im Laufe des Jahres 2010.
Bilaterale Hilfsprogramme haben in den Jahren seit 2009 ebenfalls stark abgenommen. Die Schweiz zum Beispiel wird ihre Entwicklungsprogramme in Madagaskar im Jahr 2012 beenden. Seit den 1960-er Jahren hatte die Schweiz fast eine halbe Milliarde Franken für die Entwicklungshilfe in Madagaskar ausgegeben.
Bergbau und Mineralförderung
Neue Einnahmequellen verspricht sich der madagassische Staat vom Abbau von
Mineralerzen. Die vielen ungenutzten Reserven an Bauxit, Kohle, Titaneisenerz, Kupfer, Kobalt und Nickel locken Bergbaufirmen aus der ganzen Welt an. Insbesondere die Unternehmen Sumitomo, Rio Tinto und Sherritt sind hier sehr aktiv. Die Anfang 2009 stark gesunkenen Rohstoffpreise gefährden allerdings neue
Bergbauprojekte in Madagaskar. Mehrere Vorhaben könnten mangels Investoreninteresse
auf Eis gelegt werden.
In der Region Tulear im Südwesten Madagaskars etwa werden eine Reihe von Bergbauprojekten erwogen, die sich allerdings noch nicht in einer konkreten Phase befinden. Dort sind zum Bespiel zwei größere Kohlevorkommen etwa 100 km östlich von Tulear, wo bis zu 20 Mio t Kohle abgebaut werden könnten. Zu den möglichen Investoren dort zählen die Madagascar Consolidated Mining und die Straits Asia aus Singapur sowie Pan African Mining. Ebenfalls in der Region erwägt die kanadische Sherritt die Ausbeutung von Kalkvorkommen, die es für seine Nickelverarbeitung in Tamatave benötigt. Die potenziellen Investoren diskutieren derzeit darüber, ob sie einen kleinen Verschiffungshafen 30 km südlich von Tulear bauen. Das vorgelagerte Korallenriff soll dem Vernehmen nach erhalten werden.
Ilmenit ist ein Titaneisenerz und ist in dem schwarzen Küstensand der südlichen und östlichen Küsten enthalten. Große Vorkommen werden auch im Hochland vermutet. Das aus dem Ilmenit gewonne Titandioxid ist ein wichtiges Grundmaterial weißer Industriefarben mit einem weltweiten Verbrauch von 4,7 Mio t jährlich. Die staatlichen Einnahmen durch den Abbau von Zirkon und Titanoxid sollen in den nächsten Jahre auf 600Mio. US$ jährlich ansteigen. Ein Großprojekt östlich der Stadt Tolanaro an der Südostküste von Madagaskar wird von der kanadischen Gruppe QIT, die zu Rio Tinto gehört, geleitet. Die Reserven werden auf 67 Mio. t Ilmenit und auf 3 Mio. t Zirkon geschätzt. Die Lebensdauer der Mine wird auf 27 Jahre geschätzt.
Im Wald von Ambatovy in unmittelbarer Nähe der Schutzgebiete von Andisabe in der Nähe der östlichen Hochlandstadt Moramanga wird seit 2007 eine Nickel-Mine aufgebaut, mit einem Investitionsvolumen von 3,3 Mrd. USD eine der größten der Welt. Die Investitionen sollen der Entwicklung einer Mine, verschiedener Schmelzen und der Transportlogistik gelten. Der Produktionsbeginn ist für die zweite Hälfte 2010 geplant, die volle Kapazität soll die Anlage Anfang 2013 erreichen. Betreiber sind die kanadische Firma Sherritt und die japanische Sumitomo Corporation. Abgebaut werden sollen 60.000 t Nickel, 5.600 t Kobalt und 190.000 t Ammonium-Sulfat. Eine große breite Fahrtrasse durchschneidet schon jetzt den Regenwald, begleitet von einer 200 km langen Pipeline für Wasserversogung. Der Schaden für die Umwelt wird gewaltig sein. Auch zeichnet sich ab, dass die Region von dem Projekt wirtschaftlich nur wenig profitieren wird. Die 1655 direkten Arbeitsplätze werden von geschulten Kräften von außerhalb besetzt. Ungeschulte Arbeiter aus der Region werden nicht benötigt. Nickel ist ein Metall, das zur Herstellung von Münzen genutzt wird. (Weitere Projektinformationen auf der Internetseite von Sumitomo www.sumitomocorp.co.jp)
Windenergie für Madagaskar
Das Projekt Mad'Eol betreibt die Elektrifizierung mit Hilfe von Windernergieanlagen in einer ganzen Region mit 15 Dörfern und rund 30.000 Einwohnern. In den beiden Fischerdörfern Ambolobozokely und Ambolobozobe machten sich vier Teams an die Arbeit und installierten innerhalb von drei Monaten in rund 500 Häusern Steckdosen, Schalter und Stromsparlampen. Die Erfahrungen der ersten Etappe der Pilot-Windregion werden von Mad’Eole zu einem Manual für vergleichbare Länder und deren ländliche Elektrifizierung verarbeitet. (Mehr Informationen zu Madeol: reset.to/projekte/madeole
Konzerne übernehmen große Flächen in Madagaskar
Reiche Ölstaaten und boomende Schwellenländer sichern sich weltweit immer mehr Agrarflächen, Abbaugebiete für seltene Rohstoffe und exklusive Lizenzen für die eigene Ölversorgung. Experten schätzen, dass allein in Afrika innerhalb von drei Jahren rund 20 Millionen Hektar an ausländische Investoren gegangen sind. Unter denen, besonders brisant, befinden sich immer öfter auch staatliche Akteure. Jacques Diouf, der Chef der Welternährungsorganisation FAO, warnt daher bereits vor einem „Neokolonialismus“ und neuen Abhängigkeiten in der Weltwirtschaft.
Die meisten Käufer kommen aus Europa. Mindestens zwei Millionen Hektar Land haben ausländische Investoren zwischen 2004 und 2009 allein in Äthiopien, Ghana, Madagaskar und Mali erworben. In Madagaskar werden 19 Prozent des aufgekauften Landes von Asiaten, elf Prozent von Nahost-Investoren kontrolliert. Stolze 70 Prozent wurden von europäischen Unternehmen gekauft.
Im Jahre 2008 wurde ein Vertrag zwischen Madagaskar und der koreanischen Daewoo geschlossen, der für 99 Jahre die Nutzung von 13.000 Quadratkilometer Ackerland überlassen werden sollte, um dort u.a. Palmöl für Biosprit und Mais anzubauen. Die Fläche ist etwa halb so groß wie das gesamte landwirtschaftlich genutzte Gebiet auf der Insel. Dieses Vorhaben war im März 2009 Auslöser für einen politischen Umsturz, dem der damalige Präsident Ravalomanana zu Opfer fiel. Seitdem liegt das Projekt auf Eis. Kleinere Landprojekte wurden allerdings mittlerweile umgesetzt.
Eigene Autoproduktion in Madagaskar: der Karenjy
Im Jahre 1987 wurde der Autohersteller Karenjy gegründet und wurde sofort der wichtigste Arbeitgeber in der Stadt Fianarantsoa im Süden des Hochlandes von Madagaskar. Die Madegassen gaben dem Fahrzeug den Spitznamen "Zebu". Die Produktion wurde allerdings bereits 1992 wieder eingestellt.
Im Jahre 2010 wurden die Werkshallen wieder eröffnet und eine neue Kleinserienproduktion gestartet. Etwa einen Monat brauchen die Arbeiter heute, um die madegassischen Autos mit dem achtziger Jahre Charme zusammenzuschrauben: das Allrad-Fahrzeug Mazana (Der Robuste), den Iraka (Bote) mit Heckmotor oder den Faoka (Transporter). Bislang haben nur etwa ein halbes Dutzend Liebhaber einen Karenjy für rund 5000 Euro gekauft. Als Papst Johannes Paul II. 1989 Madagaskar besuchte, war es übrigens ein Karenjy-Fahrzeug, das zum "Papamobil" umfunktioniert wurde.

